Dipl.-Psych. Stephan Mayer, Passau:   Mondtäuschung - Mondillusion - Mondparadoxie

Seite 3:   Mikropsie - Makropsie

stereo

Mikropsie bzw. Makropsie beim Stereo-Sehen:

1) Wenn man die die beiden Bilder oben durch Entspannung der Augenmuskulatur (Auseinandertriften der Augäpfel) zur Verschmelzung bringt (Hinweis: geht leichter, wenn man versucht die beiden roten Balken zur Deckung zu bringen - ausführliche Anleitung zur Technik des Stereosehens ganz unten), entsteht das Stereobild (dreidimensional) von einem würfelähnlichem Kubus. Dieses Stereobild scheint größer zu sein (Makropsie), als das einzelne Bild, da das Bild scheinbar an dem Ort entsteht, an dem die auseinandergetrifteten Blickrichtungsstrahlen sich treffen, also in größerer Entfernung. Scheinbar weiter entfernt bei gleichem Sehwinkel (Größe der Abbildung auf der Netzhaut im Auge) bedeutet aber wieder: das Bild wird größer wahrgenommen (siehe Seite 1 meiner Erklärung zur Mondtäuschung)

2) Man kann mit diesen Bildern auch durch die sogenannte Schielmethode (siehe unten)  ein Stereobild erzeugen, dabei ist dann nicht nur vorne und hinten gegenüber der Entspannungs- methode vertauscht (da links und rechts vertauscht wird), sondern dieses Stereobild scheint viel kleiner zu sein (Mikropsie), da das Bild scheinbar an dem Ort entsteht, an dem die Schielstrahlen sich kreuzen, also in kleinerer Entfernung. Scheinbar näher bei gleichem Sehwinkel bedeutet aber wieder: das Bild wird kleiner wahrgenommen (siehe Seite 1 meiner Erklärung zur Mondtäuschung)

(Schielmethode: Zeigefinger nahe an den Bildschirm zwischen die beiden Bilder bringen, den Zeigefinger fixieren, den Zeigefinger weg vom Bildschirm näher zur Nase führen, dabei weiter den Finger fixieren, den Finger so nahe an die  Nase bringen, bis im Hintergrund die beiden Bilder zu einem Stereobild verschmelzen)

Die beiden Zeichnungen oben habe ich dankenswerter Weise von Herbert Müller, Optikermeister aus Petershagen. Von ihm kommt auch die folgende ausführlichere Erklrung der Mikro- /Makropsie:

________________________________________________________________________

Fusion ist der Vorgang, der trotz zweier einzelner Bilder pro Auge zur Wahrnehmung eines einzigen Bildes führt.

Fusionsreiz ist der Reiz zweier hinreichend ähnlicher Objekte an ...akzeptablen Positionen... auf den Fusionsapparat, sie als ein einziges Objekt wahrzunehmen. Zum Fusionsapparat gehört in erster Linie die Bewegungsmuskulatur der beiden Augäpfel sowie nervliche Voraussetzungen in der Netzhaut. Inclusive der Toleranz gewisser Ungleichheiten.

Die (richtige) Vergenz (Konvergenz / Divergenz) der Augachsen ist eine Voraussetzung der Bildfusion. Sie wird erzeugt durch die äußeren Augenmuskeln.

Die Makro- Mikropsie kommt zustande auf folgende Weise:

Beispiel: Zwei hinreichend ähnliche Objekte (Bleistifte) im Abstand von 33mm befinden sich im Nahbereich, etwa 50cm vor mir, mein Augenabstand beträgt 66mm. Mit parallelen Augachsen, völlig entspannt, sehe ich vier Bleistifte nebeneinander. Durch leichte Konvergenz meiner Augachsen fusioniere ich den nasal liegenden des linken und den nasal liegenden des rechten Auges. Nicht schwer, weil ein starker Fusionsreiz die beiden Bilder zusammenhält, auch wenn rechts und links daneben die beiden restlichen Bleistifte zu sehen sind, insgesamt also drei. Die beiden seitlichen sehe ich NICHT räumlich; sie werden jedes von nur einem Auge gesehen. Den mittleren sehe ich räumlich, und zwar an dem Ort, wo sich meine Augachsen schneiden, das ist nach dem Strahlensatz in 100cm Entfernung. Aber er hat die Größe wie in 50cm, wo er(..) ja tatsächlich ist.
UND ER WIRKT GRÖßER ALS DIE BEIDEN ANDEREN. Dies ist der Effekt der Makropsie.

Wenn ich nun etwas stärker konvergiere, so rutscht der mittlere Bleistift wieder auseinander. Schließlich, bei Konvergenz auf 50cm, sehe ich zwei Bleistifte vor mir, in 50 cm. Alles OK.

Wenn ich jetzt weiter konvergiere, werdens wieder vier. Zwei rechts, zwei links. Nun fusioniere ich den linken im linken Auge und den rechten im rechten Auge. Meine Augachsen schneiden sich in 25 cm vor mir, dort sehe ich auch das fusionierte Bild der beiden, deutlich näher.
UND ES WIRKT KLEINER ALS DIE BEIDEN ANDEREN. Dies ist der Effekt der Mikropsie.

Nun gibt es aber nicht nur Einfach- sondern i.d.R. auch SCHARF-Sehen. Dazu muß die Augenlinse sich auf die beste Schärfe einstellen. Der Vorgang heißt Akkommodation. Mit ihr ist zur Vermeidung von Doppelbildern eine Konvergenz der Augen notwendig, die sich in zwei Bereiche teilt: die gekoppelte und die freie Konvergenz. Beide ergänzen sich; wenn uns ein Objekt im Nahbereich interessiert, wird ein der notwendigen Entfernung entsprechender Betrag automatisch akkommodiert und damit gekoppelt ein bestimmter Betrag konvergiert. Das reicht aber zur Erzeugung der exakten Augenstellung nicht aus. Der notwenige Rest der Konvergenz wird "frei" aufgebracht, d.h., es wird bis zur Erreichung der richtigen Einstellung "frei" konvergiert. Wegen der Kopplung ist das Experiment manchen Menschen unmöglich, weil der durch Unschärfe ausgelöste Akkommodationsreiz eine für den obigen Versuch unerwünschte und schädliche Konvergenz mit sich bringt.

Ein deutlicher Hinweis auf die variable Größenempfindung ist folgendes: Wenn ich die Bleistifte langsam auseinanderziehe, rutscht der Ort des Bildes nach hinten weg und es erscheint noch größer; schieb ich die Bleistifte zusammen, wandert das mittlere Bild auf mich zu und "wird" kleiner!! Allerdings, ich betone das, ist eine variable Größenempfindung meines Wissens nur bei parallaktisch festgestellter Entfernungsempfindung möglich. Normalerweise ist es umgekehrt: das Netzhautbild und seine Größe, die Anzahl der belichteten Stäbchen und Zäpfchen sind das einzige objektive Material, das für die Ableitung der restlichen interessierenden Größen zur Verfügung steht. Die einzige andere Quelle objektiver Daten ist die durch Parallaxe gewonnene Entfernungserkenntnis, und die ist räumlich begrenzt. Der Rest sind subjektive Größen/Entfernungserinnerungen und -vergleiche. (Herbert Müller)


Zur Erinnerung: Die Theorie der Mikropsie bzw. Makropsie scheint aber für die Mondtäuschung nicht richtig zu sein, da

a) Mikropsie bzw. Makropsie nur im Nahbereich (bis ca 3 m) auftreten, der Mond aber auch in Zenitnähe in einer weit größeren Entfernung als 3 m (mindestens knapp hinter den Wolken stehend, also selbst bei tiefstehenden Wolken in mehr als 200 m Entfernung) wahrgenommen wird

b)  das Phänomen der Mikropsie bzw. Makropsie eigentlich nur bei beidäugigem Sehen auftritt, die Mondtäuschung aber auch bei einäugigem Sehen wirkt.


Anleitung zur Technik des Stereosehens bei Doppelbildern: Die beiden Bilder sind nicht identisch, sie sind - wie beim realen Sehen mit den beiden Augen - aus jeweils ca 7 cm Abstand querverschoben (Basis) aufgenommen. Wer erstmals solche 3d-Bilder betrachtet, braucht manchmal ein bißchen Geduld, sollte ein bißchen üben, um Fixierung und Fokussierung zu entkoppeln: normalerweise, wenn der Mensch mit seinen beiden Augen einen Gegenstand in der Nähe betrachtet, richten die Augenmuskeln die beiden Augäpfel so aus, dass beide Augen auf den (einen) Gegenstand gerichtet sind (Fixierung) und gleichzeitig stellen beide Augen jeweils für sich den Gegenstand auf scharf (Fokussierung), beides läuft unbewusst und automatisch ab. Bei der Betrachtung der Stereobilder mit der Divergenzmethode oder der Konvergenzmethode müssen diese beiden Mechanismen entkoppelt werden, man kann dabei versuchen es sich bewusst zu machen. Die Augen fixieren entweder vor (Konvergenz- oder Schielmethode) oder hinter (Divergenzmethode) der Bildebene, betrachten dabei jeweils ein anderes Bild, fokussieren aber trotzdem auf die Bildebene. Mit ein bißchen üben und Geduld gelingt das dann von selber.

Konvergenz- bzw. Schielmethode - Anleitung: Zeigefinger nahe an den Bildschirm zwischen die beiden Bilder bringen, den Zeigefinger fixieren, den Zeigefinger weg vom Bildschirm näher zur Nase führen, dabei weiter den Finger fixieren, den Finger so nahe an die Nase bringen, bis im Hintergrund die beiden Bilder zu einem (1) Stereobild verschmelzen, die beiden Augen schauen dabei über Kreuz auf die beiden Bilder, das linke Auge betrachtet das rechte Bild, das rechte Auge das linke Bild.

Parallel- oder Divergenz-Methode: wenn die Bilder kleiner sind (die Bildmitten der beiden Bilder ca 6 bis 10 cm Abstand voneinander haben), dann lässt man (so als ob man todmüde wäre) die beiden Augen entspannt auseinandertrifften, das rechte Auge betrachtet das rechte Bild, das linke Auge das linke Bild,  die beiden Bilder durch Entspannung der Augenmuskulatur (Auseinandertriften der Augäpfel) zur Verschmelzung bringen.

Im Gehirn verschmelzen die beiden unterschiedlichen Bildern zu einem 3-D-Stereobild mit räumlicher Tiefe.

Nach dem scheinbaren Verschieben der Doppel-Bilder durch das nach Innen Schielen sieht man bei der Konvergenzmethode drei Bilder vor sich, das mittlere und das linke Bild sieht das linke Auge, das mittlere und das rechte Bild sieht das rechte Auge. Das Bild in der Mitte ist das überlagerte Bild, für das rechte Auge ist es das linke Bild der nach rechts  getrifteten Doppelbilder, für das linke Auge ist es das rechte Bild der nach links getrifteten Doppelbilder. Dieses überlagerte Bild in der Mitte verschmilzt im Gehirn zu einem 3-D-Stereobild mit räumlicher Tiefe.

Nach dem Auseinandertriften der Doppel-Bilder sieht man bei der Divergenzmethode drei Bilder vor sich, das mittlere und das linke Bild sieht das rechte Auge, das mittlere und das rechte Bild sieht das linke Auge. Das Bild in der Mitte ist das überlagerte Bild, für das rechte Auge ist es das rechte Bild der nach links getrifteten Doppelbilder, für das linke Auge ist es das linke Bild der nach rechts getrifteten Doppelbilder. Dieses überlagerte Bild in der Mitte verschmilzt im Gehirn zu einem 3-D-Stereobild mit räumlicher Tiefe.

Man kann solche Stereobilder auch mit einem grösseren querverschobenen Abstand (“grössere Basis”) fotografieren. So sind die beiden folgenden Bilder vom albanischen Küstengebirge von einem parallel zur Küste fahrenden Schiff aus aufgenommen. Die reale Basis (die Entfernung zwischen den beiden Aufnahmestandorten, also der scheinbare Augenabstand) beträgt dort ca 60 - 100 Meter. Bei solchen Doppelfotografien mit einer grösseren Basis rechnet das Gehirn unbewusst und automatisch die Grösse der Basis herunter auf den natürlichen Augenabstand (ca 6 - 8 cm). Dementsprechend wird das Bild auch um den gleichen Faktor verkleinert wahrgenommen, wie eine “Mini-Puppen-Landschaft”. Beispiel:

*

*

IMG_0017albl.jpg

Parallel-/Divergenz-Methode

zu weiteren Stereo-3-D-Photos

zurück zur Mondtäuschung Seite 1       zurück zur Mondtäuschung Seite 2        zur Startseite

Copyright: Dipl.-Psych. Stephan Mayer, Passau

[Home] [das nächste Seminar] [Praxis] [frühere Seminare] [Photos] [Links+Impressum] [Bücher] [Begriffserklärung]