Dipl.-Psych. Stephan Mayer, Passau:   Mondtäuschung - Mondillusion - Mondparadoxie

Seite 3:   Exkurs - Einfluss der evolutionsbedingeten Erfahrung

Ein Beitrag zur evolutionsbedingten Erfahrung von Walter W. Schön (aus Diskussionsforum von www.astronomie.de am 2. August 2003):

1. Das für das tägliche (Über-) Leben der Menschen Wichtige spielte sich mehr oder weniger in der Horizontalebene mit einer kleinen Toleranz von vielleicht +100 m (Baumspitzen, Hügel, fliegende Vögel) und -5 m (Fische im Wasser) ab. Der Lebensraum war also eine sehr flache Zone, die zwar in der Horizontalen viele, vielleicht 30 bis 50 Kilometer weit (= so weit das Auge) reichte, in der Vertikalen aber selbst dann, wenn man auch noch höhere Berge einbezieht, maximal etwa 1000 m umfaßte. Das prägt trotz Flugzeug und Mondrakete auch heute noch unsere Wahrnehmung: "Der Raum um uns ist horizontal zig Kilometer und vertikal einige hundert Meter weit ausgedehnt". Über die Konsequenz hinsichtlich der Mondtäuschung später mehr. Eine andere Folge dieser evolutionsbedingen Erfahrung ist übrigens auch, daß wir in Fotos zertralperspektivische Konvergenz paralleler horizontaler Linien (Eisenbahngleise, Häuser mit Fensterreihen, Dachkanten usw.) als ganz normal und nicht störend empfinden, wohl aber an derselben perspektivischen Verjüngung vertikaler Linien ("stürzende Linien") Anstoß nehmen und sie durch Einsatz sog. Shiftobjektive oder verstellbarer Großformatkameras zu korrigieren oder zumindest abzuschwächen versuchen (sog. Restperspektive).

2. Das Wolkenbild: Wenn Wolken in beispielsweise 2 km Höhe (die wir aber mangels Parallaxe nicht abschätzen können) die Erdoberfläche überziehen, bilden sie eine annähernd zur Erdoberfläche parallele Schicht. In Horizontnähe können wir die Wolkenformen wegen der zunehmenden Entfernung immer schlechter auflösen, so daß das Bild zu einem fast homogenen Grau verschmilzt, das Abschätzungen der Form und Entfernung erschwert. Insgesamt empfinden wir den Raum bis zu den Wolken also wieder (wie unter 1) als eine horizontal seit weit, aber vertikal vergleichsweise wenig weit ausgedehnte Schicht, die allerdings zum Horizont hin abgeflacht erscheint, weil die Wolken ja scheinbar irgendwann den Horizont (= Erdoberfläche) berühren. Da das strukturlose Blau eines wolkenlosen Himmels keinerlei Informationen bietet, aus denen wir Folgerungen über die Form des "Himmelsgewölbes" schließen können, haben also die Wolken unsere Vorstellung davon geprägt.

3. Die "Himmelskugel: "Die Beobachtung des Laufs von Sonne, Mond und Gestirnen zeigte auch schon den Menschen, die noch keine Uhren besaßen, daß die Bewegung mit etwa konstanter Winkelgeschwindigkeit erfolgte, und das führt (unter stillschweigender Annahme konstanter Absolutgeschwindigkeit) logisch zum Schluß, daß diese Bewegungen auf einer Himmels(halb)kugel erfolgen müßten. Allerdings erfolgt diese Bewegung so langsam, daß sie eigentlich als Bewegung gar nicht erkannt wird und nur die veränderte Position nach längerer Zeit einen Hinweis darauf gibt. Die Vorstellung einer Halbkugel ist daher vorhanden, aber nicht dominant.

4. Zusammenfassung von 1 bis 3. Die flache Zone von 1, die gemäß 2 zum Rand hin dünner zu werden scheint und die Hinweise auf eine Halbkugel nach 3 geben uns die (unbewußte) Vorstellung, daß das "Himmelsgewölbe" ähnlich wie eine deutlich abgeflachte Halbkugel aussehen müßte. Und das ist ja, wenn wir die Atmosphärenschichten in großer Hohe betrachten, auch gar nicht so falsch. Denn von diesen wirklich kugelförmigen Schichten sehen wir aufgrund unserer Sichtbegrenzung durch den Horizont nur eine Kalotte, gewissermaßen eine über uns mit der hohlen Seite nach unten gestülpte riesige Petrischale.

5. Konsequenzen für die Projektion des Mondbildes: Zeiche eine waagerechte Linie (= Erdoberfläche), markiere in der Mitte einen Punkt A (= Betrachter) und zeichne nun darüber einen flachen Kreisbogen (= Himmelsgewölbe), dessen Mittelpunkt genau senkrecht unter Punkt A weit unter der waagerechten Linie liegt. Auf dieses Himmelsgewölbe, das wir von unten, also von der hohlen Seite sehen, projizieren wir unbewußt alles, was wir am Himmel in so großer Entfernung sehen, daß wie die Entfernung nicht mehr durch Parallaxe oder nach Erfahrung aufgrund der bekannten wirklichen Größe (z.B. einer Wildente) abschätzen können. Folglich "heften" wir auch Sonne und Mond an diese flach gewölbte Projektionsfläche. Dies erklärt, warum die Vorstellung von der flachen Schale in der ebenen Wüste oder auf See funktioniert, wo keine Gegenstände zu sehen sind, die eine horizontale Strukturierung zur Vorstellung von Entfernung ermöglichen.  Es ist also genau dieses, auch auf Deiner Internetseite beschriebene Phänomen, daß wir bei objektiv gleichem Sehwinkel und im Hirn stattfindender Projektion des Gesehenen auf die abgeflachte Himmelsschale die wahre Größe des Mondes für viel größer halten müssen, damit sie in unsere Erfahrung von perspektivischer Verkleinerung mit wachsender Entferung hineinpaßt. Unsere Vorstellung basiert nicht auf gemessenem Sehwinkel, sondern auf vermeintlichen Größen und Entfernungen, und da paßt eben das Gesehene und daraus Erschlossene nur dann mit der Erfahrung zusammen, wenn wir den (unbewußt) in Horizontnähe weiter entfernt vermuteten Mond dort für größer halten als im Zenit. [Es gibt viele ähnliche Umsetzungen bei anderen Wahrnehmungen. In der Akustik: Das Ohr nimmt zwar anhand von Resonanzeffekten an den Flimmerhärchen auf der Basilarmembran innerhalb des Cochlea-Kanals "Frequenzen" wahr, das Hirn aber formt die Frequenzgenmische zu "Klängen", so daß wir in Klangkategorien und nicht in Frequenzen denken und empfinden. In der Optik: Die Zapfen des Auges empfinden im Gegensatz dazu nicht frequenz- oder wellenlängenselektiv, sondern unterscheiden nur drei Farbsignale, denen jeweils eine andere spektrale Empfindlichkeitskurve zugeordnet ist, und diese Signale sind noch nicht einmal richtig RGB. Aber das Gehirn synthetisiert daraus eine als "Farbe" bezeichnete Vorstellung, die mit Physik nichts mehr zu tun hat (auch wenn in der Physik das Wort Farbe als anschauliches Synonym für Wellenlängen und Wellenlängengemische auftaucht). So wie das Auge Frequenzen der Schallschwingungen analysiert, das Hirm aber Klänge daraus macht, das Auge Spektralbereiche in drei RGB-ähnliche Komponentensignale zusammenfaßt und das Gehirm daraus Farbe machte, erkennt das Auge bei der Mondtäuschung objektiv Sehwinkel, aber das Hirn übersetzt sie mit Hilfe der erfahrungsbedingten Entfernungsabschätzung in eine räumliche Größenvorstellung. Es verhält sich also so, als ob das Gehirn die von unseren Sensoren (Augen, Ohren usw.) gelieferten Daten von einem physikalischen in ein anderes wahrnehmungsphysio-/psychologisches Koordinatensystem übersetzte.] Ich habe oben mehrfach "unbewußt" in Klammern ergänzt, weil das sehr wichtig ist. Ich habe nämlich die Mondtäuschung meiner Frau schon mehrfach erklärt, und sie will es mir einfach nicht glauben, weil sie steif und fest behauptet, sie würde überhaupt nicht über die Entfernung des Mondes nahe dem Zenit oder nahe dem Horizont nachdenken, so daß sie auf diesen Effekt gar nicht hereinfallen könne. Ich habe inzwischen meine Erklärungsversuche aufgegeben, weil meine Frau nicht wahrhaben will, daß auch eine unbewußte Empfindung (angenommene Mondentfernung) ihrer Täuschung zugrundeliegen kann. So wie meiner Frau geht es aber auch vielen anderen, und daher muß man sich darüber klar sein, daß hier ein unbewußter Effekt ein wichtige Rolle spielt, wenn man die Sache verstehen will.              (Ende Zitat von Walter E. Schön)

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