StephanPsy        Altmeister im Astrotreff

Erstellt am: 05.05.2010 :  15:25:08 Uhr - Kopie aus www.astrotreff.de  

Herzinfarkt – Sterben und Leben: ein etwas anderer Beobachtungsbericht

Liebe Astronomie-Freunde,

oft habe ich ja hier meine Emotionen mit tiefgründigen und philosophischen Gedanken, die einem so bei der Beobachtung des nächtlichen Sternenhimmels kommen, geschildert. Da ich damit Verständnis und schöne Rückmeldungen bekommen habe, traue ich mich jetzt hier auch mal einen etwas anderen Beobachtungsbericht zu schildern, meine Emotionen und Gedanken beim

Überleben eines Herzinfarktes:

Am 26.4.2010 habe ich einen Herzinfarkt (Hinterwand) mit Kreislaufschock, Sehstörungen und Kammerflimmern (so ziemlich die schlimmste denkbare Version) erlitten. Wer mich kennt und mein häufig und genüßlich zelebriertes Schwarzer-Krauser-Rauch-Vergnügen miterlebt hat, kann sich die Ursache denken.

Es war sehr knapp, aber mit etwas Glück und dank perfekter Rettungskette, von der Alarmierung über den Notarzt, den Transport per Rettungswagen (ich war nicht mal mehr für einen Hubschraubertransport geeignet) und die sofortige Operation im Krankenhaus, habe ich überlebt und natürlich Konsequenzen gezogen (auch das Rauchen beendet).

Die ganze Dramatik war mir zwar bei Beginn der Symptomatik nicht bewusst, aber ich wusste schon, dass es ein Herzinfarkt ist und ich sterben könnte, hatte aber keine Todesangst dabei, hab mir gedacht „na dann stirbste halt jetzt“. Auch den oft geschilderten langen Gang hab ich gesehen, allerdings waren alle Türen geschlossen und auch kein helles Licht am Ende, so dass ich mir gesagt hab, „es ist also doch noch nicht zum Sterben“. Als das Kammerflimmern anfing, bin ich ohne es zu merken bewusstlos geworden, hab nichts vom Defibrillator mitbekommen, erst beim Wiederaufwachen gemerkt, dass ich weg war und gedacht „wennste jetzt nicht mehr wach geworden und gestorben wärst, hättest du es gar nicht gemerkt, wärst einfach ganz friedlich weg gewesen, das wäre ein schöner Tod gewesen“. Ähnlich macht mich jetzt nachdenklich, dass ich es ja gar nicht bewusst merken würde, wenn ich gestorben wäre, ich kann jetzt denken, dass ich lebe, aber ich könnte nicht bemerken gestorben zu sein, ich könnte schon 8 Tage tod sein, ohne es zu wissen, das find ich schon sehr komisch. Auch am letzten Freitag war es eine seltsame Vorstellung, dass da am Vormittag gerade die Beerdigung hätte sein können, im Sarg unter der Erde zu liegen, und anschließend die Trauerfeier der anderen mit erst Tränen und danach viel Fröhlichkeit am Ende, wies halt so ist. Die Vorstellung gestorben zu sein, schreckt mich nicht, weil ich es ja gar nicht mitbekommen würde, nur meine Frau täte mir leid, die ganze Bürokratie, die die Arme erledigen müsste.

Was mir allerdings tatsächlich nicht bewusst war und mich gefühlsmäßig dann sehr bewegt hat, waren die Ängste und Tränen meiner Familie, Frau und Töchter, in der Zeit, als die Notärztin und der Operationsarzt um mein Leben gekämpft haben. Es hat mich selber sehr verblüfft, zu bemerken, dass ich nicht mit solcher Angst und Trauer um mich gerechnet hatte. Ich war sehr angerührt solche unerwartete Liebe zu bekommen. Auch die Anteilnahme der Verwandtschaft und Freunde ist eine schöne Erfahrung. Es war irgendwie, wie wenn man die Möglichkeit hätte, bei seiner eigenen Beerdigung dabei zu sein und den Trauerreden zuzuhören, sehr intensiv und emotional bewegend.

Auch meine Verantwortung als Vater für die Töchter, für sie noch da zu sein, für sie noch weiterzuleben, ist mir bewusst geworden, die Verantwortung gesünder zu leben, weil die mich doch noch brauchen, auch wenn sie schon so alt sind (17 und 26 J.), den Töchtern und der Frau das Leid eines früh verstorbenen Vaters/Ehemannes zu ersparen…

Natürlich wusste ich auch vorher, dass Rauchen gefährlich ist, aber ich hatte tatsächlich ganz sicher geglaubt, mich erwischt es nicht, unverwundbar zu sein. Welch ein Irrtum ! Ich hab erlebt, es kann so schnell passieren, unerwartet, ungeplant, jederzeit. Etwas Angst hatte ich gestern noch vor dem Ergebnis der Lungenröntgenaufnahme, was jetzt, wenn da Lungenkrebs zu sehen ist? Nochmal Glück gehabt, alles ok., auch die Halsschlagadern sind frei, danke an das Schicksal. Verblüffend wie nach bereits 9 Tagen Nichtrauchen die Atmung deutlich spürbar freier und tiefer geworden ist. Seit heute bin ich raus aus dem Krankenhaus, im Mai kommen jetzt noch 3 Wochen Reha an den Osterseen südlich von München, vielleicht nehm ich meinen Phoenix mit.

Herzlich lachen können wir, wenn der Schwager das Gesicht der Krankenschwester schildert, die nicht wissen konnte, dass das meine Art von komischen Scherzen ist: „der ist das Gesicht total entsetzt heruntergefallen“. Der Schwager, selber Kardiologe an einem anderen Krankenhaus, kam ca 15 min nach Beendigung meiner Operation (drei Stents, die drei grössten die im Haus verfügbar waren) zu mir auf die Intensivstation, und als ich ihn gesehen hab, hab ich als erstes gesagt „ich hab heut noch nix gegessen, ich will jetzt a Schnitzerl und a Halbe Bier und ne Zigarette“.

Also, ich merke, für mich selber wäre der Tod nicht so schlimm, ich hatte ein schönes und spannendes und aufregendes und manchmal auch schwieriges Leben, aber ich habe noch die Verantwortung für meine Familie weiterzuleben, als liebevoller und starker Vater/Mann bei den Töchtern und der Frau zu sein, und ich will natürlich auch dieses zukünftige Lebenszeit bewusst leben und auch für mich genießen – auch mit intensiven Momenten am Teleskop unterm Sternenhimmel…

Das grösste Wunder an der ganzen Geschichte ist allerdings etwas, an das ich selber nie geglaubt hätte: dass ich nach 43 Jahren Genußrauchen, immmer mit Selbstgedrehtem Schwarzer Krauser, tatsächlich mal über eine Woche (und vielleicht ja auch noch länger) nikotinfrei sein könnte.

Ich kämpfe weiter, mit dem Nichtrauchen, ist gar nicht so einfach. Ich hab 43 Jahre mit viel Genuß und sehr gerne geraucht, zelebriert mit schönen Feuerzeugen und Aschenbechern. Die körperliche Sucht ist wohl schon vorbei, aber das Ritual fehlt mir, "ich geh schnell eine Rauchen auf die Terasse", diese Auszeit, gemütlich dasitzen, meditativ in die Gegend gucken ... Ich merke, ich muß es selber machen, es darf mir keiner verbieten, meine Frau darf den Resttabak nicht wegschmeißen, auf Verbot würde ich mit Trotz reagieren, "jetzt erst recht!", nur wenn ich mich selber immer wieder entscheide, kann es klappen, nicht gegen das Rauchen, sondern für frische Luft, tief atmen können ...

... und noch ein Gedanke: es haben sich so viele Menschen aktiv um mein Überleben bemüht, die menschliche Maschinerie war beeindruckend, zu Beginn gleich vier Sanitäter und die Notärztin (die alles perfekt gemacht hat), dann als ich in den Op-Raum geschoben wurde, standen da schon unzählige im Grünkittel rum, die auf mich gewartet haben, der Arzt hat sich nur noch schnell freundlich vorgestellt, den Mundschutz hochgezogen und sofort zu arbeiten begonnen (der Schwager als Kardiologe sagt, höchstens einer von 5 sehr erfahrenen Herzchirurgen hätte meine extreme Symptomatik - Stufe 4 1/2 von 5 Schwierigkeitsgraden - richtig behandeln können, dieser eine hatte zum Glück gerade Dienst), ich fände es eine gemeine Geringschätzung von deren Bemühungen, wenn ich jetzt einfach weiterrauchen würde, und meiner Tochter muß ich die Angst um mich ersparen, aber fehlen tut es mir schon ...

Ein Testament hab ich schon vor vielen Jahren gemacht, aber die Patientenverfügung (wer entscheidet ob und wann die Maschinen abgestellt werden und so) hab ich komischerweise gerade erst kurz vorher (Mitte April) geschrieben.

Entscheidend war auch, dass wir bei Alarmierung der Rettung sofort ausdrücklich auf Herzinfarkt hingewiesen hatten und den Notarzt angefordert haben. Wäre nur die Rettung gekommen, hätte ich den Transport in ein Krankenhaus nicht überlebt. Als die Notärztin kam und EKG anlegte, sagte sie "da geht ja gar nichts" und ich hab gedacht, sie meint das EKG-Gerät, es wäre defekt, nein, bei mir ging nix mehr, kein EKG und kein Blutdruck mehr messbar. Sie hat dann erst mal alles mögliche gespritzt und mich stabilisiert, und alles so perfekt richtig gemacht, dass mein Schwager, der Kardiologe, noch am selben Abend ihr einen großen Blumenstrauß zum Dank vorbei gebracht hat. Dazu muß man sagen, dass ich für diese Notärztin ein ganz normaler Patient war, sie wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass ich privat versichert bin, dass mein Schwager Kardiologe ist und dass mein Schwiegervater jahrzehntelang der Chef vom Roten Kreuz vor Ort war, das alles wusste sie nicht und sie hat trotzdem diesen Einsatz gebracht, und ja, auch dafür sollte man dankbar sein und zum Nichtraucher werden ...



Ich hoffe, dass dieser etwas andere Beobachtungsbericht Euch nicht gelangweilt hat, sondern vielleicht auch etwas nachdenklich macht,

mit schönen Grüßen, Stephan

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Nachtrag jetzt 5 Wochen später: es geht mir besser als die letzten Jahre zuvor, Nichtrauchen und täglich 30 min Trimmradl (während der Fernsehnachrichten) wirken, ich war sogar schon zweimal wieder Sternenhimmelgucken mit "Phoenix", hab z.B. die Kanten-Galaxie 4244 im CVn gesucht und gefunden (nach einem Tip hier im Forum), die größte Klippe der (psychischen) Nikotinsucht zu widerstehen war nach dem Spechteln und nach dem Abbau der Geräte, die Situation noch ein bißchen auf der Wiese sitzen früh um 2.30h, den aufgehenden Mond zu beobachten, mit bloßen Augen die Milchstraße schauen, da hätte ich gerne eine geraucht ...

Und folgende Information hat mich auch nochmal nachdenklich gemacht: meine Schwiegermutter hat kürzlich die Notärztin getroffen, die mich anfangs behandelt und nach Passau ins Krankenhaus gebracht hat, diese Notärztin sagt, sie habe nicht geglaubt, auch als sie mich schon erfolgreich im Krankenhaus abgeliefert hatte, dass ich überleben werde - und ebenso nachdenkwürdig eine andere Information, wegen Sauerstoffmangel könnte ich ebenso jetzt mit Gehirnschädigung im Dauer-Koma liegen - na bravo !

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18.11.2010: und noch ein - trauriger - Nachtrag zum Thema: im Juni dieses Jahres hatte auch mein um 3 Jahre älterer Bruder einen Herzinfarkt, er hat ihn nicht überlebt. Und auch Jürgen J., der den Eintrag hier (zwei Beiträge weiter unten) geschrieben hat, ist inzwischen verstorben ...

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StephanPsy
 

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